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11. Reisebericht: Malaysia – Westküste und Cameron Highlands

Dezember 17, 2009

geschreiben von Anita

Am Nachmittag des 18. November, ein gewöhnlicher Mittwoch, kommen wir auf äusserst komfortable Art und Weise in Melaka oder Malacca an. Ungerne verlassen wir den angenehmen Massagesessel des Reisebusses, freuen uns aber auf das legale Kaugummikauen, wie andere Mitreisende sich aufs ungeahndete öffentliche Spucken freuen. Unsere per Internet gebuchte Unterkunft überrascht uns positiv und liegt mitten im Zentrum des charmanten kleinen Städtchens. An der Westküste Malaysias liegend, genoss Melaka als Handels- und Hafenstadt besonders in den vergangenen Jahrhunderten hohe Beliebtheit und Bedeutung. Einmal beherrscht von Chinesen, dann von Portugiesen, von Holländern und schliesslich von Briten, haben all diese Völker ihre Spuren hinterlassen, welche man heute bei abwechslungsreichen Spaziergängen durch die Altstadt bewundern kann. Es gibt indische und chinesische Tempel, Moscheen, katholische Kirchen, ein holländisches Stadthuys, ein portugiesisches Fort inklusive Kanonen, jede Menge Museen, Hotels und – quasi ein Muss – Shopping Centers. Chinatown und Little India machen die Liste der Sehenswürdigkeiten in Melaka komplett.

Strassen von Melaka


Am nächsten Tag entdecken wir die verwinkelten Strässchen von Melakas Chinatown, wo es neben den üblichen typischen Chinatown-(Ramsch)Artikeln erstaunlicherweise auch ganz praktische Dinge zu kaufen gibt! T-Shirts, die man sich auch anzuziehen traut und schöner, chinesischer Weihnachtsbaumschmuck (ungeachtet der Tatsache, dass es in China gar kein offizielles Weihnachtsfest gibt) und viele günstige Kimonos. Wir besuchen im Anschluss das Musée de la Beauté éternelle, wo wir vieles über grausame Verschönerungstechniken aus verschiedenen Kulturen und Völkern sehen und lesen können. Das Sprichwort „Schönheit muss leiden“ hat offenbar schon immer und überall gegolten! Am brutalsten empfand ich das Foot-binding oder anders gesagt das Verstümmeln der Füsse, das über Jahrhunderte weit verbreitet in China, aber auch in anderen asiatischen Ländern praktiziert wurde. Das stramme Einbinden der Füsse bei jungen Mädchen führt zu besonders kleinen Füssen bzw. Missbildungen, was als schön galt: je kleiner die Füsse, desto schöner und begehrenswerter die Frau. Schwachsinn hin oder her, mit dem Sprichwort „auf grossem Fuss leben“ scheint diese Schönheitskur jedenfalls nichts zu tun zu haben. Aber auch die zahlreichen höchst kreativen Methoden der dokumentierten „Zahnverschönerungen“ stehen dem Foot-binding in Sache Brutalität in nichts nach… Von Abfeilen, über Herausschlagen bis zum Einfärben – unglaublich, wozu Menschen fähig sind. Dabei hat uns die Erklärung, dass Zähne bei gewissen Stämmen dreieckig abgefeilt wurden, um sich klar von Tieren zu unterscheiden, sehr erstaunt, zumal die Ähnlichkeit mit einem Tier nach der Prozedur viel grösser war. Im Gegensatz dazu wurde den heutigen grenzenlosen chirurgischen Verschönerungseingriffen kein einziges Poster gewidmet, was ich auf die Tatsache zurück führe, dass es gerade in Asien von solchen Schnäppchen-Angeboten wimmelt…
Eine bisher nicht genannte Sensation in Melaka stellt die Baba-Nonya Kultur dar. Diese Kultur ist das Ergebnis aus chinesischen Siedlern, Malaysierinnen und Indern, gewürzt mit etwas Portugiesen und bezieht sich vor allem auf die spezielle Küche. Am Abend versuchen wir diese typische Küche in einem sehr einfachen Beizli. Zwar verstehen wir weder die Namen der Gerichte, noch erkennen wir die Zusammensetzung beim Essen selbst, aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht, Hauptsache es hat geschmeckt!

Ein besonders schön geschmücktes typisches Transportmittel in Melaka - schade gibts keinen Ton, Michael Jackson hat uns durch die Stadt begleitet


Den Abend schliessen wir mit einem längeren Besuch in einer Karaoke-Bar ab, wo Thomas und ich als einzige Gäste stundenlang mittels der technisch hervorragenden (lauten) Karaoke-Anlage um die Wette singen. Mit dem letzten, gut gemeinten Applaus der restlichen Angestellten verabschieden wir uns und fallen heiser und ausgesungen ins Bett…

Der nächste, eher ruhigere Tag führt uns nach Port Dickson, wo wir zwei Tage am Strand ausspannen möchten. Leider entpuppt sich der Hotelstrand aber als nicht allzu gepflegt, weshalb wir den Pool bevorzugen. Das Hotel ist schön und bietet alles was man braucht, aber liegt doch klar ausserhalb des Ortes Port Dickson selber. Wir bleiben somit auf dem Hotelareal und profitieren vom guten Dienstleistungsangebot: während Thomas am Ping-Pong Turnier der Hotelmitarbeiter erfolgreich teilnimmt, surf ich im Zimmer per Wireless Internet und verpass den Vize-Meistertitel von Thomas (die Mitstreiter waren allesamt Asiaten, also Pingpong-Experten) – Kompliment!

Pool Landschaft im komfortablen Hotel lädt zum Entspannen ein


Das Hotel bietet ein äusserst reichhaltiges Frühstücksbuffet spezieller bzw. asiatischer Art: In zahllosen „Brotkästen“ aus Metall verstecken sich Nasi Goreng, Bami Goreng, verschiedene Würste, Gemüse Eintopf und gebratene Nudeln mit Fisch und Meeresfrüchten. Daneben ein Salatbuffet, welches selbst für mich frühmorgens etwas zu heftig ist. Das Ganze wird mit Porridge, einer faden Reisgrütze, abgerundet. So abwechslungsreich wie das Frühstück entwickelt sich auch das Wetter und auf anfänglichen Sonnenschein folgt bald ein heftiges Gewitter, welches uns ins Zimmer verbannt.
Unsere weiteren mittelfristigen Reisepläne zwingen uns zu einem Stop-over in Kuala Lumpur (KL für den Kenner), wo wir für ein Visum für Vietnam kandidieren müssen. Wir fahren deshalb am Sonntagnachmittag wieder in die Hauptstadt und bedauern da zum ersten Mal wirklich, die Unterkunft bereits übers Internet gebucht zu haben. Unser Zimmer ist eine wahre Besenkammer ohne Fenster, dazu feucht, muffig, klitzeklein und einfach eklig! Wir merken, wie unentbehrlich ein Seidenschlafsack auf so einer Reise ist und finden später, mit viel Parfum, auch da Schlaf!
Unseren Besuch auf dem vietnamesischen Konsulat nehmen wir früh in Angriff, schliesslich haben wir keine Ahnung, wie lange die Warteschlange sein wird. Am Ziel angekommen, treffen wir einen hektischen Ameisenhaufen von kleinen, dünnen schwarzhaarigen Menschen an, alle in einer sehr speziellen Sprache miteinander diskutierend (Vietnamesisch tönt immer, als ob man schimpfen würde: Satzendungen sind jeweils sehr insistierend wenn nicht schon anschuldigend und in höherer Stimmlage als der Rest). Zuerst sind wir froh, dass es ein Nummernsystem wie bei uns auf der Post gibt, bemerken aber schnell, dass sich keiner dran hält. Wild wird auf die armen zwei Damen hinter dem Schalter eingeredet, Pässe werden hin und hergereicht, Formulare ausgefüllt und gedrängt, was das Zeug hält. Wir tun irgendeinmal dasselbe, kriegen ähnliche Formulare die wir ausfüllen, bei den Damen bezahlen und schliesslich unsere Pässe mit einer Quittung wieder zurück kriegen. Wir sollen in ein paar Tagen wieder kommen. Im Hintergrund des geschäftigen Büros sehen wir tausende von Pässen, aufgetürmt in Kartonschachteln, zusammengehalten mit Gummiband oder einfach nur lose aber auf jeden Fall systemlos, weshalb wir total erleichtert sind, unsere „Identität“ nicht da lassen zu müssen…
Unsere nächste Destination liegt nördlich von KL, Lumut, und ist der Ausgangsort um auf die Insel Pulau Pangkor zu kommen. Im Swiss Garden Hotel (abgesehen vom Namen hat es nichts mit der Schweiz zu tun) werden wir sehr angenehm empfangen. Wir kriegen ein tolles Zimmer mit Balkon und Meerblick, genau das was wir nach einem so hektischen Tag brauchen!

Romantischer Sonnenuntergang im Swiss Garden Hotel - was braucht man mehr?


Nach einem ähnlich vielfältigen Frühstücksangebot machen wir uns gestärkt auf den Weg zur Insel Pangkor, der eigentliche Grund unserer Reise nach Lumut. Mit einer modernen Fähre fahren wir auf die kleine grüne Insel und chartern ein rosarotes Minibustaxi für eine Rundfahrt um die Insel. Der lustige Fahrer führt uns zu den Sehenswürdigkeiten, die auf seiner Liste stehen, kann uns aber nicht allzu viele Infos dazu geben. Erste Haltestelle war „Sacred Rock“, ein riesiger Stein, ohne Beschriftung und Tafel, weshalb wir nachfragen, was denn so heilig daran sei. „Ooh, I don’t know“ meint der Fahrer darauf mit breitem Grinsen und ermahnte uns, ins Büssli zu steigen. Die charmante, ursprüngliche Insel hat uns aber auch ohne viel Hintergrundinformation sehr gut gefallen mit den Tempeln, Stränden und Fischerdörfern und wir bereuen fast, abends wieder zurück zu unserem riesigen Hotelkomplex fahren zu müssen.

Pulau Pangkor - kleines grünes Paradies nahe der Westküste Malaysias


Der Zufall will es, dass meine Kollegin Madlaina mit Ihrem Partner 10 Tage Ferien in Malaysia macht! Mit Freuden haben wir uns in den Cameron Highlands verabredet, wo wir am nächsten Tag hinfahren. Ratternd kommen wir in Tanah Rata, Ausgangsort für Wanderungen in die Cameron Highlands, an und treffen uns am Abend mit Madlaina und Andy zum Essen im deutsch-schweizerischen Schwarbing House Inn („The only german restaurant in Cameron Highlands“). Abgesehen vom Namen erinnert wenig an Deutschland und noch weniger an die Schweiz, aber wir werden herzlich von einem Jungen mit den Worten „Mama! Customers!! Mama, Customers, hurry!!“ begrüsst.

Seltene Gäste im typischen Deutsch-Schweizerstübli Schwarbing House Inn


Wir schliessen den schönen Abend in der einzigen Bar des Ortes ab und sind glücklich über ein so spontanes Treffen – DANKE fürs „Vorbei schauen“ 🙂
Am nächsten Tag treffen wir uns um in den Cameron Highlands zu wandern. Die auf ca. 1500 m gelegenen Berge (für uns eher Hügel…) bieten tolle Dschungelwege bei angenehmen Temperaturen. Es ist zwar auch hier schwül und Transpiration findet durchaus statt, aber immerhin steigt das Thermometer in der Regel nicht über 25 Grad an. Nun buchen die meisten Touristen für ihre Wanderungen einen Führer – tollkühn wollen wir es auf eigene Faust wagen, denn wir haben uns ja im Hotel eine Karte gekauft. Diese enthält zwar mehr Werbung als Wege, doch als vier versierte Wandervögel erreichen wir den Gipfel des Gunung Jasar und des Gunung Perdah, durchwandern anschliessend auch noch ein authentisches Bergdorf, welches auf der Karte als aborigin village angegeben ist – eine herrliche Wanderung!

Gipfelstürmer auf Gunung Perdah - Geschafft!!

Dank Madlaina und Andy bzw. ihrem Mietauto kommen wir in den Genuss der Teeplantagen-Besichtigung des Boh Tea Estates und erkunden den höchsten Berg in der Umgebung (2110 m). Die Aussicht ist absolut genial, wir können Bilderbuchfotos schiessen und uns kaum satt sehen, an den weiten grünen Feldern mit den so malerisch zwischen den Sträuchern verlaufenden Wegen für die Teepflücker. Den „Boa-Tee“, den wir anschliessend im Teerestaurant schlürfen, schmeckt wunderbar!

Postkartensujet: Teeplantagen im Boh Tea Estate


In Tanah Rata gibt es zahlreiche kleine Restaurants, bei denen man quasi auf der Strasse/Trottoir oder im kleinen, meist sehr stickigen und lauten Raum isst, wo auch gekocht wird und zwar so, dass man zu sehen kann. In anderen Worten werden mit sehr einfachen Mitteln leckere Speisen zubereitet (für sehr heikle Westler nicht vorbehaltslos zu empfehlen, da man es mit der Hygiene hier nicht ganz so eng sieht). Wir essen abends „auf der Strasse“ bei einem Inder mit aussergewöhnlich grosser Auswahl. Umso erstaunlicher ist es, dass die Fluktuation an den Tischen höher ist, als bei MacDonalds, denn bei uns nimmt nur schon die Entscheidung, welches Naan man probieren möchte, viel Zeit in Anspruch. Das Essen war hervorragend! Leider müssen wir uns bereits wieder von unseren Freunden Madlaina und Andy verabschieden, denn deren etwas kürzere Reise geht bereits wieder dem Ende zu.
Den nächsten Tag starte ich mit einer ekligen Erfahrung… neugierig probier ich was Neues aus: Porridge mit würzigen Brot-Croutons! Leider entpuppen die sich aber als getrocknete Fischstücke, sodass die stärkende Speise ihren Zweck verfehlt und umgehend im „Restentopf“ landet… Fazit: auch die Fisch-Variante des Biltong hier in Asien ist sehr speziell und definitiv nicht für jeden geeignet.
Die Reise führt uns nächsten Tags weiter auf eine grössere Insel im Norden von Malaysia, Pulau Penang. Mit Bus, Fähre und Taxi fahren wir zum Hotel, die Temperatur ist wieder sehr hoch und düppig. Unterwegs bestellen wir heissen Kaffee, den wir im Plastikbeutel mit Röhrli erhalten – eine Verpackung, der wir zuerst etwas skeptisch gegenüber stehen, die sich aber als äusserst praktisch entpuppt!

Kaffee Pause der anderen Art - durchaus praktisch auf Reisen!


Thomas hat sich eine starke Erkältung zugezogen, weshalb wir am Pool relaxen und abends in einem selbstverständlich indischen, ähnlich hektischen Restaurant essen, wie wir es gewohnt sind. Der dynamische Ober bzw. die dynamischen Ober (man wir immer von einer grösseren Anzahl Menschen bedient) vergessen am Ende die Getränke auf der Rechnung, ungeachtet der Tatsache, dass die leeren Flaschen noch auf dem Tisch stehen (selbstverständlich haben wir ehrlichen Schweizer auf den Irrtum hingewiesen).
Am nächsten Tag erkunden wir die kleine feine Stadt Georgetown, Hauptstadt der Insel Penang. Es gibt einiges zu sehen, neben Tempel, Moscheen und Kirchen gibt es auch hier ein Fort, Little India und Chinatown. So despektierlich es tönt, es überkommt einem schon mal ein Déja-Vu-Gefühl… Vor einem chinesischen Tempel treffen wir einen alten Mann an, der uns ganz genau zeigt, wie wir fürs Foto posieren müssen und welche Statuen wir wie anfassen müssen – grandios, mit so einem Kenner kann es nur Meisterfotos geben!

Ein fotographisches Meisterwerk - kein Wunder unter dieser fachkundigen Regie


Im und vor dem Tempel werden tausende von duftenden Räucherstäbchen in die dafür vorgesehenen Töpfe und Schalen gesteckt, was den ganzen Tempel in eine eigenartige Duftwolke hüllt. Genug vom betörenden Rauch und der brennend heissen Sonne abgekriegt, kehren wir bald zurück zum kühlenden Hotelpool und geniessen den Rest des Tages ohne grossen indochinesischmalaiischen Trubel.

Chinesischer Tempel in Georgetown


Auch Buddha lacht mit!


Der nächste Tag ist weder Freitag, noch der 13., aber irgendwie hat uns das Glück an diesem Montag verlassen. Am Busbahnhof sind die Busse nach KL bereits voll und wir müssen >1h in der brütenden Hitze, mit 2 riesigen Backpacker und Plastiksäcken warten. Es geht hektisch zu und her und wir sind froh, als es endlich heisst „This one, come on please!“ – der erste Bus wo es offenbar noch 2 freie Plätze gibt. Eigentlich ganz bequem, aber von einem aufdringlich frechen und sehr überholungswilligen Chauffeur gefahren, merken wir bald, dass er es ausserordentlich pressant hat. Auf den vordersten zwei Plätzen sitzend, werden wir dann auch Zeugen von einem Auffahrunfall. Unglücklicherweise handelt es sich beim Opfer um einen Rollerfahrer, der beim Crash so schnell weggespickt wird, dass wir erst gar nicht wahrnehmen, was passiert ist. Es war einfach nur schrecklich! Ein dumpfes Geräusch beim Aufprall, dann ein massives rechts – links – rechts schwenken des Busses, wobei wir jeden Moment damit rechneten, umzukippen. Schreckenssekunden, die einem wie Stunden vorkommen, ohne dass man fähig ist, etwas zu machen! Der Töfffahrer ist zum Glück bei Bewusstsein und kann einigermassen auf eigenen Beinen gehen, obwohl ich diese Fähigkeit einzig und alleine seinem Schock-Zustand zurechne. Zu unserem grossen Erstaunen wird aber zunächst weder Polizei noch Ambulanz alarmiert, sondern „ein Freund“ des Fahrers. Einem genug insistierenden mitreisenden Einheimischen ist es zu verdanken, dass schlussendlich doch beide hier sind, und der arme Typ, noch immer unter Tiefschock, im Blaulichtwagen abtransportiert wird. Die Weiterreise nach KL findet mit dem gleichen Busfahrer statt aber zum Glück unfallfrei. Wir kommen zum Hotel, wo wir diesmal positiv überrascht werden und gehen bald zu Bett um am nächsten Tag unsere Visa für die Vietnam Reise abzuholen. Diese kriegen wir diesmal sehr viel schneller und ohne Umstände ausgehändigt, auch die gezogene Nummer wurde diesmal respektiert! Wir geniessen den vorerst letzten KL-Tag und bereiten uns voller Vorfreude auf das nächste Abenteuer vor!

Auf geht's zum nächsten Abenteuer, bis bald!

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10. Reisebericht: Singapur – die schöne Stadt der 1‘000 Verbote

Dezember 5, 2009

von Thomas

Vielleicht ist die Bezeichnung „Express“ für unseren Zug von Kuala Lumpur nach Singapur leicht verfehlt, doch insgesamt reisen wir recht komfortabel und auf jeden Fall sehr günstig. Draussen sehen wir die Palmen an uns vorbeiziehen, drinnen fühlen wir uns an Norwegen erinnert, denn die Klimaanlage hat fast mehr Power als die Diesellok. Es ist aber die erste Zugreise seit langem und wir bereuen es keinesfalls, dass wir uns für den Zug entschieden haben.

Den Bahnhof in Singapur hätten wir uns ehrlich gesagt grösser vorgestellt. Erst waren wir gar nicht sicher, ob wir schon am Hauptbahnhof sind, doch die Tatsache, dass die Schienen nicht mehr weiterführen und dass alle Leute aussteigen hat uns doch einigermassen überzeugt. Zwei Bahnsteige erscheinen einfach irgendwie mickrig für solch eine Millionenstadt!

Das Taxi führt uns direkt ins Rotlicht-Viertel, denn hier haben wir unser Hotel gebucht. Eigentlich ist das Viertel „Geylang“ eine Art Chinatown mit der Ausnahme, dass eben zwischen all den Essständen zwischendurch mal eine Prostituierte steht. Und ja, es gibt doch sehr schummrig-schmuddelige Hotels in der Gegend und da stehen auch oft junge Damen davor. Unser Hotel ist aber prima, denn es ist zwar klein, dafür sauber und ganz neu eingerichtet. An der lebhaften Hauptstrasse gibt es noch ein leckeres, chinesisches Abendessen und Willkommensbier für uns, dann geht’s schon wieder in die Heia!

Skyline vom Singapore River aus gesehen

Die nächsten zwei Tage sind für Sightseeing reserviert. Am ersten Tag steigen wir natürlich ins obligate Touristenbüschen um den erforderlichen Gesamtüberblick zu erhalten. Etwas enttäuscht sind wir aber schon, denn die einzige Information, die man in diesem Bus erhält, ist welche Shopping-Zentren beim nächsten Halt zu finden sind. Wir gehen gleich aufs Ganze und steigen in der Orchard-Road aus, das Shopping-Mekka schlechthin! Die Weihnachtsdekorationen sind pompös und für uns irgendwie surreal in dieser feuchten Hitze! Warum muss der Weihnachtsmann auch hier diese schmusig-warme Winterkleidung tragen? Aufs Shoppen lassen wir uns nicht gross ein, denn wir wollen weiter ins Viertel der Inder, Little India. Trotz verschiedener Versuche der zahlreichen Händler kaufen wir auch hier nichts, sondern ziehen noch ein wenig weiter durch die Stadt. In der Stadt hat es sehr viel Polizei, denn der Zufall will es, dass wir schon wieder Barack Obama auf den Fersen sind. Wir haben ihn schon auf seiner ersten Europa-Reise begleitet, nun wollen wir auch auf seiner ersten Asien-Tour bei ihm sein. Leider lässt er sich hier aber in der Öffentlichkeit nicht blicken und so verbringen wir den Abend in trauter Zweisamkeit am Ufer des Singapore Rivers und später im Lau Pa Sat, einem wunderschönen viktorianischen Gebäude, das voll ist von kleinen Essensständen. Es handelt sich um ein sogenanntes Hawker Center. Hier geht es äusserst hektisch zu und her, denn die einzelnen „Restaurant“-Besitzer umringen, umzingeln und verfolgen einen unermüdlich, so dass man kaum Gelegenheit hat, das reichhaltige Angebot genauer unter die Lupe zu nehmen. Erst wenn man sich an einem Ort hinsetzt, kehrt einigermassen Ruhe ein. Etwas verwirrt bestelle ich dann aber doch bei zwei unterschiedlichen Anbietern. Als das als Beilage gedachte indische „Roti“ bei halb aufgegessener Hauptspeise immer noch nicht kommt, frage ich beim indischen Kellner nach, welcher mir halb ernst, halb im Spass zu verstehen gibt: „You think all Indian are same, all Indian have mustache; you did not order with me!“. Er zeigt auf einen Stand gegenüber und ich erblicke einen Herrn mit Oberlippenbart, der “meinem” Kellner erschreckend ähnlich sieht. Obschon ich gerne auf die Einzigartigkeit aller Menschen eingegangen wäre, kommt mir nur in den Sinn: „This must be your brother.“, was allerdings nur halbwegs gut ankommt, denn ich befürchte, dass sich die beiden gar nicht so gut verstehen. Egal, ich kriege irgendwann mein Roti und stelle fest, dass es sich um eine weitere Hauptspeise handelt, die leider schon wieder so lecker ist und folglich auch aufgegessen wird.

Hawker Center - Innenansicht

Nach Hause geht es mit der blitzblanken Metro ohne genau Ahnung zu haben, wo wir hin müssen. Adlerauge Anita erblickt schon aus dem Zug heraus ein benachbartes Hotel, doch wir schlagen beim Metro-Ausgang leider eine falsche Richtung ein, wollen dies aber lange nicht wahrhaben. Plötzlich befinden wir uns inmitten von grossen Wohnblocks, obschon wir am liebsten bei unseren Prostituierten wären. Der Umweg hat aber auch etwas Gutes, denn wir verdauen so wenigstens einen Teil der zu viel eingenommenen Kalorien, was fürs Einschlafen hilfreich ist.

Im Buddha Tooth Relic Tempel In Chinatown

Am nächsten Tag organisieren wir erst unsere Weiterreise und stürzen uns danach nochmals voll ins Sightseeing, wobei uns der Regen immer wieder mal zwingt, eine kleine Pause einzulegen. Ich verzichte hier mal darauf, auf jeden Tempel und jedes Gebäude einzugehen, sondern möchte allgemein festhalten: Singapur ist eine tolle, lebendige, abwechslungsreiche, freundliche und sehr saubere Stadt! Ja, etwas verrückt ist sie schon, wenn man an all die Verbote denkt, aber eigentlich sind viele gar nicht so schlimm. Dass man seinen Müll nicht auf die Strasse wirft, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Dass man an gewissen Orten nicht rauchen darf, ist auch bei uns normal. Im Gegensatz aber etwa zu den USA, wo Raucher in den Blicken, aber auch Aussagen, vieler Passanten erkennen können, dass man sie zur Kategorie einer asozialen, verantwortungslosen Schicht zählt, scheint man es hier deutlich gelassener zu nehmen. Es gibt ja auch ziemlich viele Raucher; und selbst Zigarettenstummel auf dem Boden sind nicht allzu selten – zumindest in unserem Rotlichtviertel… Es wird leider auch viel gespuckt, obschon dies ja auch verboten wäre. Kaugummis aber findet man nirgendwo auf dem Boden, denn schliesslich sind Einfuhr und Verkauf untersagt! Einem einigermassen vernünftigen Menschen sollte es aber möglich sein, die horrend hohen Geldstrafen zu vermeiden. Wenn einem z.B. fürs Fahrradfahren auf dem Trottoir CHF 4’000.- Busse drohen, dann steigt man eben ab… Hohe Geldstrafen sind aber das Eine, doch Singapur kennt auch die Prügel- und Todesstrafe, die wohl noch etwas umstrittener sein dürften. Es gibt offenbar auch eine ganze Reihe weiterer Bestimmungen, die uns etwas fremd sind: Autos dürfen nicht älter als zehn Jahre alt sein, pro Familie darf man nur ein Auto besitzen und überhaupt ist Auto fahren nur gestattet, wenn mindestens drei Personen im Auto sitzen. Ob diese Angaben aber wirklich stimmen, wissen wir nicht mit 100%-iger Sicherheit, denn wir haben diese Informationen, die uns ein Taxifahrer in Malaysia gegeben hat, nicht überprüft.

Kaugummi gibt es nicht, dafuer endlich mal eine vernuenftige Packung Fisherman's Frieds: plastifiziert und wiederverschliessbar!

Am Abend treffen wir eine Schulkameradin von Anita, Susanne, die seit einiger Zeit in Singapur lebt und verbringen einen gemütlichen Abend in einem gut gewählten Lokal, in welchem ausgezeichnete Lasagne serviert wird! Es ist schon erstaunlich, wie viele Bekannte wir auf unserer Reise antreffen. Man kriegt das Gefühl, dass die Welt zusammen gewachsen ist und London, Kapstadt oder Singapur gar nicht mehr so weit weg sind wie noch vor 20 Jahren!

Palau Ubin

Am nächsten Tag wollen wir etwas Abwechslung. Da zum Stadtstaat Singapur noch einige Inseln gehören, bieten sich diese für einen Ausflug geradezu an. Wir entscheiden uns für Palau Ubin, denn es heisst, hier sei die Zeit etwas stehen geblieben und es gäbe viel Natur und kleine, ursprüngliche Dörfchen. Das ist in der Tat wahr. Wir mieten gleich bei Ankunft ein Fahrrad, denn die Insel lässt sich so am besten erkunden. Verschwiegen wurde uns, dass die Insel offenbar auch ein Militär- oder Polizeiausbildungs-Stützpunkt ist, denn auf unserer Fahrradtour passieren wir gleich mehrere Kontrollposten mit uniformierten, bewaffneten Soldaten. Natürlich schwebt permanent die Angst mit, dass wir in eine Kontrolle geraten, bei welcher vielleicht doch irgend ein Kaugummi versteckt in der Hosentasche auftaucht, doch die Soldaten schenken uns Gott sei Dank wenig Beachtung und wir können die schweisstreibende Tour (schweisstreibend insbesondere wegen der Hitze!) ohne mühsame Stopps absolvieren. Die Insel bietet einige Naturschönheiten, die man sehr einfach erkunden kann, und ist durchaus lohnenswert, wenn man der Stadt mal etwas entfliehen möchte.

Magroven auf Palau Ubin

Als wir am Abend zurück ins Hotel kommen, bringt ein starkes Gewitter unsere Pläne etwas durcheinander. Sehr gerne hätte ich eine Runde auf dem 165m hohen Riesenrad gedreht, doch die Umstände machen dies zeitlich leider nicht mehr möglich. Das Wetter beruhigt sich nach etwa ein, zwei Stunden und wir gehen immerhin noch gut (mexikanisch) essen und vergnügen uns noch ein wenig im Ausgangsviertel „Clarke Quay“, das zwar extrem künstlich und teilweise hässlich ist, doch immerhin auch die eine oder andere interessante und gut durchgestylte Bar zu bieten hat.

Schon am nächsten Tag nehmen wir Abschied von Singapur. Die Stadt wird uns in guter Erinnerung bleiben, denn sie ist freundlich, sauber, modern und dennoch auch lebendig und asiatisch. Singapur ist eine sichere Ruhe-Oase für jeden Reisenden, denn hier funktioniert alles und man braucht sich um nichts Sorgen zu machen. Wir freuen uns aber trotzdem, dass unsere Reise weiter geht und vielleicht noch etwas holperiger wird! Vorerst ist mit holprig aber gar nichts zu wollen, denn wir reisen in einem extravaganten Bus mit Massagesesseln erst mal wieder zurück nach Malaysia und freuen uns auf die nächste Erkundungstour!